Neueste Erkenntnisse über den Tassilo-Kelch

Das Stift Kremsmünster beherbergt eines der kostbarsten liturgischen Gefäße des frühen Mittelalters: einen reich verzierten Abendmahlskelch, gestiftet von Bayernherzog Tassilo III. und seiner Gemahlin, der Langobardenprinzessin Liutpirc. Im Rahmen eines Forschungsprojektes in Deutschland wurde der Kunstgegenstand fünf Jahre lang untersucht. Die Ergebnisse liegen nun vor und eröffnen erstaunliche Perspektiven.
Abt Ambros Ebhart OSB: „Ich empfinde es als kostbares Geschenk, dass uns der Tassilokelch anvertraut ist. Für unser Kloster Kremsmünster ist er ein Wegbegleiter durch zwölf Jahrhunderte. Der Tassilokelch veranschaulicht die Wurzel, die an den Anfang unseres Klosters zurückführt.“ Ein gesundes Traditionsbewusstsein müsse aber auch einher gehen mit der Offenheit gegenüber wissenschaftlichen Untersuchungen, zeigt sich Abt Ambros überzeugt: „Ich sage allen denen einen herzlichen Dank und Vergelt’s Gott, die sich um die Untersuchung des Kelches angenommen haben.“
Das Forschungsprojekt wurde vom emeritierten Direktor des Archäologischen Museums in Frankfurt, Univ.-Prof. Dr. Egon Wamers, geleitet und liegt auch in Buchform vor. Die Untersuchungen wurden angestoßen von Pater Altman Pötsch OSB, der sich in seinen Forschungen an Prof. Wamers als den herausragenden Experten des Kelches gewandt hatte. Es entstanden fruchtbare Kontakte zwischen dem Stift Kremsmünster und deutschen Forschungsstätten.P. Altman, Kustos der Kunstsammlungen und Rektor der Stiftskirche macht deutlich, wie sich der Umgang mit dem Tassilo-Liutpirc-Kelch im Stift Kremsmünster gewandelt habe. „Noch im Jahre 1877 wurde der Kelch zur 1100-Jahr-Feier unserer Gründung als Weinbecher herumgereicht. Seit 1964 verwenden wir ihn ausschließlich liturgisch in der Eucharistiefeier am Gründonnerstag, am Stiftertag am 11. Dezember sowie bei einem Papstbesuch in Österreich.“ So wurde der Kelch 1983 im Donaupark von Papst Johannes Paul II. und 2007 in Mariazell von Papst Benedikt XVI. verwendet. Er findet zudem Verwendung als Wahlurne bei einer Abtwahl.
Zweifelsfrei sind Herzog Tassilo und seine Frau die Stifter des Kelchs. Die Inschrift lautet: „Tassilo dux fortis, Liutpirc virga regalis – Tassilo, starker Fürst – Liutpirc, aus königlichem Geschlecht.“ Da aber auch Tassilos Ehefrau Luitpirc am Kelch als Stifterin genannt wird, sei es höchste Zeit, den Kelch als Tassilo-Liutpirc-Kelch zu bezeichnen.
Veranstaltungen zum Tassilo-Liutpirc-Kelch
Das Stift Kremsmünster bietet nun Spezialführungen an, die bis Ende Dezember 2019 immer am Samstag und Sonntag, jeweils um 14.00 Uhr stattfinden (im Rahmen einer Führung durch die Kunstsammlungen mit Schwerpunkt der neuen Erkenntnisse über den Tassilo-Liutpirc-Kelch). Treffpunkt und Beginn ist im Klosterladen. Information: 07583/5275-150, tourismus@stift-kremsmuenster.at.
Mehrwert Glaube am Freitag, den 4. Oktober 2019, 20:00 im Wintersaal: Der Kustos der Kunstsammlungen, P. Altman Pötsch, hält einen Vortrag über das religiöse Programm des Tassilokelchs.
Bei „Kunst im Advent“ im Ars Electronica Center Linz ist am Donnerstag, 12. Dezember 2019, 19.00 Uhr im Deep Space der Tassilo-Liutpirc-Kelch zu sehen. Titel der Veranstaltung: „Der Tassilokelch in neuem Licht“
Informationen zum Buch
Schriften des Archäologischen Museums Frankfurt, 32
Schnell & Steiner Verlag, Regensburg 2019
496 Seiten, ISBN 978-3-7954-3187-7, € 51,40
[karin mayer]