Forschungspartner Kloster

Kustoden klösterlicher Kunstsammlungen und KunsthistorikerInnen trafen einander am 18./19. Mai 2012 zu einem Austausch über Fragen des kunsthistorischen Forschens in klösterlichen Sammlungen. Die Studientagung war eine Kooperationsveranstaltung des Referats für die Kulturgüter der Orden und des Stiftes Herzogenburg, das heuer das Jubiläum seines 900jährigen Bestehens feiert.
Nach der Begrüßung durch Propst Maximilian Fürnsinn widmete sich die Vormittagssektion dem Thema Portraits in Klöstern. Dr. Friedrich Polleroß vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien moderierte drei Beiträge: Die Innsbrucker Kunsthistorikerin Sonja Fabian referierte über das von der Stiftung der Südtiroler Sparkasse finanzierte und unter der Leitung des früheren Südtiroler Landeskonservators Helmut Stampfer stehende Forschungsprojekt einer Bilddatenbank Tiroler Bildnisse. Das sehr nützliche Unternehmen enthält etwa 30 Prozent von Bildnissen in Klöstern, darunter die Serien von Äbten und Klostervorstehern. Annemarie Wolfslehner präsentierte die Ergebnisse ihrer eben abgeschlossenen Diplomarbeit über die Äbteportraits im Stift Seitenstetten. Stephan Weber, der Kustos der Gemäldegalerie des Prämonstratenserstiftes Schlägl stellte die Geschichte dieser sehr bedeutenden und großen Sammlung dar und zeigte Beispiele der 1800 begonnen und bis heute fortgeführten  einzigartiger Portraitreihe aller Mitbrüder. Es wurde deutlich, dass noch sehr viele Portraits von Ordensleuten in klösterlichen Sammlungen zwar vorhanden, aber der Forschung weitgehend unbekannt sind.
Die Nachmittagssektion moderierte Univ.Doz. Dr. Werner Telesko von der Kommission für Kunstgeschichte an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die Beiträge brachten einerseits die Situation der Sammlungspflege in den Klöstern selbst zur Sprache. P. Gregor Lechner, Kustos der Göttweiger Kunstsammlungen, beklagte, dass es für die Kustoden in einem Kloster nicht immer einfach sei, die Oberen und Mitbrüder davon zu überzeugen, die Pflege und Erforschung des eigenen kulturellen Erbes zu fördern. Zu knapp seien die Ressourcen und selbst Verkäufe wertvollerer Sammlungsstücke seien kein Tabuthema mehr. Dr. Veronika Pirker-Aurenhammer, Leiterin der Sammlung mittelalterlicher Kunst in der Österreichischen Galerie Belvedere, stellte ein aktuelles Forschungsprojekt ihres Museums vor, bei dem die Zusammenarbeit mit den Klöstern sehr wichtig sei, da es auch um die Rekonstruktion nur mehr fragmentarisch und in Einzelteilen zerstreut überlieferten mittelalterlichen Altären geht. Hier sei Provenienzforschung und Erforschung von Sammlungsgeschichte in den Klöstern sehr wichtig, um die Zusammenhänge einzelner Tafelbilder rekonstruieren zu können. P. Dr. Korbinian Birnbacher, der Kustos der ca. 50.000 Objekte umfassenden Kunstsammlungen der Erzabtei der Erzabtei St. Peter in Salzburg, berichtete über die in letzten Jahren erfolgten Maßnahmen. Er zeigte eindrucksvolle Vorher-Nachher-Bilder, wie aus einer Ansammlung und Abstellkammer bis 2014 ein modernes Museum werden wird. Mittlerweile sind auch schon 13.000 Objekte (von Gemälden bis zur Geschirr- und zur Mineraliensammlung) in einer Datenbank erfasst. Mag. Wolfgang Huber, Leiter des Stiftsmuseums Klosterneuburg führte aus, das ein Großteil der Stiftssammlungen aus Nachlässen und Legaten an das Stift gekommen war. Er stellte als Beispiel die aus dem Nachlass eines Mitbruders an das Stift gekommene Werksammlung der Künstlerinnen Ada und Lida Doxat vor, zweier aus Marburg stammender und um 1910 in Wien ausgebildeter Malerinnen bzw. Graphikerinnen mit einem bisher unbekannten, aber interessanten Oeuvre vorwiegend religiöser Themen. Der Tag schloss mit einer Begehung der neuen Ausstellung im Stift Herzogenburg, die bei der Sammlungspräsentation neue und durchaus auch experimentelle Wege geht. Am Vormittag des zweiten Tages moderierte der H. Ulrich Mauterer, Sammlungskustos des Stiftes Herzogenburg, die Diskussion zum Thema Denkmalpflege: Dr. Michael Bohr präsentierte aus seinem Forschungsprojekt über die barocken Klostermöbel einige Beispiele von Umbauten von Chorgestühlen und Beichstuhlen sowohl der Barockzeit wie auch jüngere Restaurierungs- und Adaptierungsmaßnahmen. Das Atelier Ratheyser stellte die Restaurierung der Abtei der Wiener Mechitaristen (Wiederherstellung der Räume und Möblierung des 19. Jahrhunderts) vor und Mag. Michael Vigl, der Stellvertreter von Bernd
Euler-Rolle in der neuen Stabsstelle des Bundesdenkmalamts, erläuterte die Umstruktuierung der Restaurierwerkstätten: Es sollen in Zukunft verstärkt Musterrestaurierungen anstatt Massenrestaurierungen durchgeführt und die Restauratoren vor Ort angeleitet werden. In der im Anschluss geführten lebhaften Diskussion wurde die Frage erörtert, inwieweit Interessen der Forschung und der Denkmalpflege vereinbar sind mit dem Bedürfnis des Klosters, dass gerade historische Möbel nach wie vor ihre Verwendung finden und daher entsprechend adapiert werden müssen. P. Gottfried Wegleitner, Guardian des Wiener Franziskanerklosters und Stellvertreter des Provinzials der Österreichischen Franziskanerprovinz, bemerkte dazu, dass die Bettelorden jahrhundertelang zuwenig Geld für Modernisierungen hatten kann manchmal auch ein Vorteil sein – aus diesem Grund besitzt die Wiener Franziskanerkirche jetzt die älteste Orgel Wiens.
Neben P. Gottfried nahmen an der abschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Was nützt die Forschung den Klöstern? Was nützen die Klöster der Forschung?“ weitere Vertreter sowohl der Klöster wie der Forschung teil. Univ. Doz. Dr. Werner Telesko erläuterte, dass nicht nur die Klöster unter knappen finanziellen und personellen Ressourcen in Fragen der Kulturgüterpflege  litten, sondern auch die öffentlichen und akademischen Forschungseinrichtungen und plädierte engagiert für eine engere Zusammenarbeit und Vernetzung. Ao. Univ.Prof. Ingeborg Schemper-Sparholz vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien zeigte sich optimistisch, was das Interesse junger Nachwuchswissenschafter an Forschung über Klöster betreffe und  meinte, es sei sinnvoll, wenn die universitäre Lehre hier mit den Klöstern zusammenarbeite und Seminare und Praktika in klösterlichen Sammlungen anbiete. Dr. Martin Haltrich, Mitarbeiter der Kommission für Schrift- und Buchwesen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Sammlungskustos des Stiftes Zwettl konnte von gelungenen Beispielen solcher Kooperationen berichten. P. Dr. Gerfried Sitar, Sammlungskustos und Ausstellungskurator des Stiftes St. Paul im Lavanttal, erläuterte, dass Ausstellungen in Klöstern ein wichtiger Anlass für kunsthistorische Forschung sein können und sollen. Ein wichtiges Thema in der Diskussion war auch die Frage der Finanzierung solcher Forschung. P. Gerfried erläuterte, dass mit der Ankündigung von Verkaufsabsichten aus St. Paul eine öffentliche Diskussion darüber angeregt werden sollte, und führte weiters aus, dass das  Vermieten von Gesamtausstellungen eine mögliche Einnahmequelle für ein Kloster sein kann. Dr. Veronika Pirker-Aurenhammer wünschte sich mehr kompetente Ansprechpartner für die Sammlungen im klösterlichen Besitz. Wo dies nicht durch die Ordensleute selbst möglich sei, durch angestellte Kunsthistoriker, die die Sammlung betreuen. Die Vertreter der Klöster sahen allerdings wenig Möglichkeit, dass ein Kloster im ohnehin schon finanziell nicht unaufwendigen Bereich der Kulturgüterpflege (Archive, Bibliotheken und Sammlungen) solche Personalkosten tragen könne. Helga Penz schloss die Diskussion mit den Worten: „Der Kulturbereich ist heute einer, bei dem die österreichischen Klöster punkten können. Daraus kommen positive Berichte über die Klöster und Orden. Und was das Geld betrifft: Wir fragen auch nicht, was uns die Caritas kostet, denn sie ist ein Dienst am Nächsten. Auch die Pflege des kulturellen Erbes, ihre Öffnung für Forschung und Öffentlichkeit, ist ein Dienst an der Gesellschaft und eine Caritas.“